„Wer sind Sie?“, fragte die Frau, die sonst alles wusste.
   „Verwirren Sie mich nicht mit Ihrem Psychoscheiß!“, entgegnete Melanie sauer.
   „Ich will nur sichergehen, dass...“
   „Bringen wir’s hinter uns! Mir müssen Sie nicht erz...“
   „Dann gehen Sie doch! Niemand zwingt Sie, hier zu sein. Ich habe einer Borderlinerin vorhin absagen müssen, damit...“
   „War wohl nicht privatversichert die Arme, was?“
   Die Frau, die immer etwas zu sagen hatte, schwieg jetzt und schaute aus wie eine getretene Katze. Melanie nahm in Gedanken einen kleinen Schluck aus ihrem Flachmann.
   „Vorletzte Nacht hat sich ein betrunkener Irrer in einem ranzigen Fernfahrer-Motel an mir sein Hirn aus dem Leib gevögelt. Mit jedem Stoß hat er meinen Kopf gegen die Bettkante geknallt. Ich habe gezählt, wie viele Autos vorbeigefahren sind. Es waren vierundsiebzig. An manchen Tagen sind es weit über hundert. Muss Sonntag gewesen sein. Er zahlte mir das Doppelte, als er fertig war. Sein Sperma verklebte meine Augen, ich habe es erst hinterher gesehen. Also das Geld. Nachdem er gegangen war. Ich blieb noch eine Weile liegen, und während ich so dalag, fiel mir ein, dass ich meine Mutter lange nicht mehr besucht habe. Ich stellte mir vor, dass sie gestorben wäre und ich die Beerdigung verpasst hätte. Meine Schwester und ich reden ja nicht mehr viel seit dem Vorfall.“
Melanie räusperte sich. Die Frau, die alles wusste, starrte auf die Uhr hinter ihr an der Wand.
   Kurzes Schweigen.
   „Ich wusch mein Gesicht und bin dann rübergefahren, um mich zu vergewissern, dass sie noch lebte. Irgendwie hatte ich ein komisches Gefühl. Als ich ankam, hat ihr ein Pfleger gerade den Katheter gewechselt. Das war peinlich. Am liebsten hätte ich gleich wieder kehrt gemacht. Doch der Kerl sagte in einem vorwurfsvollen Ton irgendwas von WIE SCHÖN DASS MAL WIEDER BESUCH FÜR UNSER HERZCHEN VORBEIKOMMT, während er an ihrer Scheide herumhantierte. Meine Mutter glotzte an die Decke und zischte ES IST ZEIT FÜR TEE. Der Pfleger ließ uns dann allein.
   Ich wusste wie immer nicht, was ich sagen sollte. Dabei kommt es ja gar nicht darauf an, was man sagt, sondern dass man überhaupt was sagt. Verstehen tut sie einen sowieso nicht mehr, wissen Sie. Zumindest glaube ich, dass sie nichts versteht. Ich könnte mich irren. Vielleicht fällt es mir deswegen so schwer, so mit ihr zu reden wie meine Schwester es tut. Wenn sie unsere Mutter füttert, sagt sie Sachen wie IM HL MARKT GIBT ES JETZT BIOGEMÜSE. Und sie kommentiert jede ihrer Handlungen, nur um kein Schweigen aufkommen zu lassen. Denn wenn sie schweigt, redet Mutter komisches Zeug. Ich wiederum höre sie ganz gern komisches Zeug reden. Ich könnte ihr stundenlang zuhören, wenn sie komisches Zeug redet.“
   „Was erzählt denn Ihre Mutter so, wenn man sie reden lässt?“, mischt sich endlich wieder die Frau ein, die nie länger als zehn Minuten schweigen kann.
   „Zum Beispiel von einer Enkelin namens Maria, die bei ihr im Schrank leben würde.“
   „Sie hat also Halluzinationen. Das ist ja nicht ungewöhnlich bei Demenz Morbus Alzheimer im fortgeschrittenen...“
   „Ich bin sehr froh, dass es Maria gibt. So ist sie wenigstens nicht einsam. Einsamkeit ist schlimmer als zu verblöden.“
   „Es gibt Menschen, die sind sehr gern allein.“
   „Nicht meine Mutter!“
   „Dann sollten Sie sie häufiger besuchen!“
   „Alleinsein und Einsamsein sind völlig verschiedene Dinge.“
   „Aber das eine setzt das andere voraus.“
   „Man kann auch einsam unter Menschen sein.“
   „Geht es Ihnen denn so?“
   „Ich glaube, Mutter ist viel einsamer, wenn jemand da ist und sie wäscht oder sie füttert oder ihr von Biogemüse erzählt, als wenn sie allein ist. Sie war auch nie so ein kommunikativer Typ. Vielleicht vor meinem Vater, aber da kannte ich sie ja nicht, das kann ich nicht beurteilen.“
   „Meinen sie, Ihr Vater hat Ihre Mutter stumm gemacht?“
   „Mein Vater hat meine Mutter geschlagen. Da wird irgendwann jeder stumm.“
   „Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem Vater?“
   „Nein. Für mich ist er tot.“
   „Vielleicht kämen Sie zur Ruhe, wenn Sie ihm und sich...“
   „Lieber möchte ich mein Leben lang ruhelos sein als ihm zu verzeihen.“
   „Das kann ich verstehen. Dennoch...“
   „Ihr Vater hat sie nicht jeden Sonntag, wenn die Familie in der Kirche war, gefickt! Kommen Sie mir nicht mit der Ich-Verstehe-Tour! Ich muss kotzen, wenn ein Ungefickter das sagt. Sie verstehen nicht einmal im Entferntesten, wie es ist, wenn der eigene Vater einem so etwas antut.“
   „Ich sprach auch nicht vom Verzeihen...“
   „NICHTS!“
   „Ich...“
   „SEIEN SIE STILL! SCHEISSE!“
   Die Frau, die immer Stift und Notizblock parat hatte, schrieb mit dem Stift eine Notiz in den Block.
   „Ich kann das alles nicht ertragen! Warum müssen wir immer wieder über meinen Vater reden?“
   „Damit Sie es verarbeiten können.“
   „Ich habe es mehr als fünfzehn Jahre lang verarbeitet. Jeden einzelnen Tag, seit es angefangen hat, habe ich es verarbeitet. Es vergeht keine Stunde, in der mein Vater nicht bei mir ist. Über mir ist. Ich kann seinen Fuselatem riechen, seine rauen Hände auf meiner Haut spüren. Jeder Typ, der mich fickt, ist mein Vater. Und ich bin jedes einzige Mal wieder neun Jahre alt.“
   Melanies Herz raste, als würde es jeden Augenblick explodieren. Sie hatte das Gefühl, sie käme mit dem Atmen nicht mehr hinterher. Ihre Lunge zog sich krampfartig immer wieder zusammen. Die Frau, die immer auf alles vorbereitet war, holte eine Papiertüte aus der Schublade ihres Schreibtisches und hielt sie ihr vor den Mund. Sie packte Melanie und schob sie vom Sessel auf den Boden, wo sie die nächsten Minuten damit zubrachte, einen Panikanfall vorbeiziehen zu lassen, ohne dass er sie verschlang. Inzwischen hatte sie einigermaßen Kontrolle über die Angst vor der Angst und ließ sich nicht mehr von ihr beherrschen. Wenigstens das hatte sie hier gelernt.
   „Wenn Sie sich einigermaßen beruhigt haben, zählen Sie bitte laut von Zwanzig in Dreierschritten abwärts!“, forderte Frau Braak sie auf.
   Sie nahm die Tüte von ihrem Mund und begann zu zählen.
   „Sechsundfünfzig, Neunundvierzig, Zweiundvierzig, Fünfunddreißig, Achtundzwanzig, Einundzwanzig, Vierzehn, Sieben. Reicht das?“
   „Können Sie sich wieder hinsetzen?“
   „Hätten Sie mich nicht auf den Boden gelegt, säße ich ja noch.“
   Frau Braak lächelte. Melanie hatte gar nicht gewusst, dass die Frau, die niemals lächelte, überhaupt Gefühle besaß. Geschweige denn sie zeigen konnte.
   „Das glaube ich kaum.“
   „Sie unterschätzen mich“, rief Melanie und schob ihren Kopf in die Höhe. Sie war immer noch ganz verdutzt über Frau Braaks Lächeln.
   „Womit möchten Sie weitermachen?“
   „Ich hoffe bei jedem Typ, der über mich drübersteigt, dass er nicht mein Vater ist. Aber er ist es. Immer, immer, immer, IMMER wieder ist es mein versoffener Vater, der sich in meine Vagina vergräbt, als würde er nach Gold suchen.“
   Frau Braak nästelte nervös in ihren blondierten, schulterlangen Haaren. Sie mochte es nicht, wenn Melanie so vulgär über ihre Sexualität sprach. Ein Übel, um das sie bislang bei keiner Sitzung mit Melanie herum gekommen war. Manchmal half ihr eine halbe Xanax oder ein Tavor. Aber heute wollte sie mal wieder mit vollem Verstand anwesend sein. Dann war sie eine viel aufnahmefähigere Reflexionsfläche für die Gegenübertragung, auf die sie große Stücke hielt. Das Xanax machte sie zu hart und zu glatt. Andererseits schonte es ihre Nerven. Sie hatte sich noch nicht entschieden, was ihr wichtiger war.
   „Das habe ich nie verstanden. Was an meinem Loch so besonders war, dass er immer wieder hineinwollte. Ich habe mir gewünscht, das Besondere möge verschwinden. Ich habe sie gehasst, meine Vagina. Ich habe sie mehr gehasst als meinen Vater. Meinen Vater hasse ich erst, seit ich weiß, dass er bei mir nichts gesucht hat, sondern einfach eine enge Kinderfotze bumsen wollte.“
Die Braak hustete und ließ ihren Block fallen. Hastig griff sie nach ihm.
   „Und jemanden, der sich nicht wehren konnte. Jemanden, der es nicht einmal verstehen konnte, was da eigentlich passierte.“
   „Was halten Sie davon, dass wir uns eine Situation herausgreifen und EMDR machen?“
   „Ich war doch erst neun. Wie hätte ich das verstehen sollen?“
   „Sie...“
   „Wie hätte ich mich wehren können?“
   -
   „Ich hatte keine Kontrolle über meinen Körper. Sobald er in mich eindrang, verschwand ich in das Barbie-Haus auf meinem Tisch. Ich gab meinen Körper auf, um mit Barbie und Ken Himbeertee zu trinken. Ich habe mit Barbie und Ken sehr oft Himbeertee getrunken. So oft, dass ich heute kotzen muss, wenn ich Himbeeren nur rieche.“
   „Achten Sie auf die Körpersignale, Melanie!“
   „Jajaja. Ich passe auf, dass ich heute nicht noch eine Tüte verschwende.“
   „Ich möchte Ihnen helfen.“
   „Ich weiß.“
   „Also. Die Körpersignale. Wie geht es Ihnen im Moment?“
   „Ich bin sehr angespannt. Mein Herz rast. Ich habe große Lust auf Alk oder eine Rasierklinge.“
   „Wie groß ist die Anspannung?“
   „Sieben.“
   Die Braak macht sich eine kurze Notiz.
   „Möchten Sie, dass ich Sie in Ihr Phantasiereich begleite?“
   „Ja.“
   „Gut. Dann schließen Sie die Augen, Melanie! Wir verlassen jetzt gemeinsam diesen Raum. Mit bloßer Gedankenkraft katapultieren wir uns fort in Ihre Welt. Ich begleite Sie bis an den Waldrand, den Rest gehen Sie allein. Sie laufen über den alten, zerrissenen, schmalen Asphaltweg, vorbei an dem zugewucherten Tümpel, bis zum Bootsteg. Sie öffnen das Tor mit der Zahlenkombination, die nur Sie kennen und schließen es hinter sich wieder zu. Nun laufen Sie den kleinen Abhang hinunter, betreten den Steg und setzen sich in ein Boot. Sobald Sie sich im Boot befinden, setzt es sich mit Ihnen in Bewegung und schwimmt bis in die Mitte des Sees. Auf dem Boden des Bootes finden Sie Ihre rot karierte Kuscheldecke und hüllen sich damit ein. Es ist ganz still. Sie sind ganz allein. Niemand kann in Ihre Welt, den sie hier nicht haben möchten. Der Himmel wechselt in fließenden Übergängen die Farben, ist mal cyanblau, mal orange, mal gelb, so wie Sie es mögen. Denn es ist Ihr Himmel, und alles soll so sein, wie Sie es mögen.
   Sind Sie mit alledem zufrieden, Melanie?“
   „Ja.“
   „Soll ich sie für einen Moment allein lassen, Melanie?“
   „Ja.“

   „Möchten sie jetzt vielleicht mit einer Person sprechen?“
   „Mit meiner Mutter.“
   „Sie sitzt Ihnen in dem Moment im Boot gegenüber, wo Sie es wollen, Melanie!“
   „Sie ist da. Nennen sie mich nicht Melanie!“
   Ein weiteres Lächeln huschte Frau Braak über die Lippen.

   Als ich Frau Braak an jenem Nachmittag verließ, hatte ich das Gefühl, etwas vergessen zu haben. Ich kann nicht genau sagen, was es war, das mir abhanden kam. Ich weiß nur, dass es mir fehlte. Der meinen Körper nachhause trug, war jemand anderes. Das war nicht ich. Zuhause angekommen verschwand ich im Nichts. Wie jedes Mal. Die Welt war bis zur Ankunft von Tim um einen Menschen ärmer. Ein nutzloser Mensch zwar, aber ein Mensch, der alle zwei Wochen im Treppenhaus fegte und älteren Herrschaften im Bus einen Platz anbot.
Vom Nichts aus war es nicht weit bis zur jenseitigen Welt. Kaum hundert Meter trennten beide Orte. Wenn ich ganz leise war, konnte ich von drüben meinen Vater rufen hören. Wenn ich die Augen schloss, konnte ich ihn spüren – ich konnte ihn so nah spüren, wie er mir zeitlebens niemals nah gewesen ist. Instinktiv wusste ich, dass es falsch war. Meine Erinnerungen an einen unerreichbaren Vater und dieses Gefühl standen diametral gegeneinander, waren unvereinbar. Der Bruch schmerzte sehr.


   Die jenseitige und die diesseitige Welt sind im Nichts kaum unterscheidbar. Das Hinübergehen liegt nie in meiner Hand. Ich schneide mich wie andere Auto fahren – es passiert einfach.
   

 

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